Das ist Musik wie bequeme Schuhe, als Nino daran denkt, wie Josch das vorhin gesagt hat, steigt wieder der Ärger in ihm hoch. Dieses Ironische, immer einen Spruch zu allem, nie einfach etwas gut finden. Eigentlich kann es Nino egal sein, was Josch von seinem neuen Song hält. Josch ist ein Typ aus einer vergangenen Welt. Aber Josch hat Nino nun einmal viel geholfen; früher; in seinem Studio, wo normalerweise Männer von Joschs Sorte ihre Gitarrenmusik aufnehmen, die klingt wie von Tocotronic, nur schlechter.
Ninos Kunst hat mit diesen Gitarrenmännern von vorgestern nichts zu tun. Obwohl diese natürlich auch bei seinen Auftritten da sind; weil sie überall sind, einzeln oder in kleinen Gruppen, und nach dem Konzert an der Theke zusammenklumpen. Auch mit fast Fünzig können sie es nicht gut sein lassen.
Sie haben Angst davor, dass ihr Leben vorbei ist, wenn sie sich auf die Couch setzen, denkt Nino.
Aber trotzdem war es ihm wichtig gewesen, dass Josch sein neues Lied als erster hört. Der Grund dafür ist, dass er jeden seiner kreativen Gedanken automatisch mit seiner Vorstellung davon abgleicht, was Josch dazu sagen würde. Josch war nun mal die künstlerische Gänsemutter, die Nino bei seinem musikalen Schlüpfen als erstes gesehen hatte. Prägung kann man nicht abstellen. Daran ändern weder die vielen Klicks etwas, noch dass es ihm, aus geschäftlicher Sicht, wichtiger sein sollte, was Julian und Sophie von der Agentur von seinen Ideen halten.
Sophie sagt niemals „Musik wie bequeme Schuhe“ oder „Nachttischmusik“, auch so ein Josch-Wort. Sophie gibt ihm konstruktives Feedback, das sich nicht wie ein Angriff anfühlt.
Joschs Spruch hat ihn heute besonders angefasst. Denn er ist überhaupt nicht gut drauf. Schuld daran ist der Traum. Der gleiche Traum, der ihn seit ungefähr einer Woche immer wieder heimsucht und der in der vergangenen Nacht so verstörend wie noch nie gewesen war. Der volle Konzertsaal, die Gesichter in der ersten Reihe, alles wie in Echt. Sogar das vertraute Störgefühl hatte ihn gestochen, das ihm zuverlässig die Laune versaut, sobald Sassie am Schlagzeug neben dem Takt liegt, was sie bei ihren Auftritten ebenso zuverlässig tut. Im Traum hatte er auch den Zorn über Jule gespürt, der es neuerdings nicht mehr ausreicht, Bass zu spielen, sondern darauf besteht, die Refrains mitzusingen.
Eigentlich ist es nicht überraschend, dass ich davon träume, denkt Nino. Es ist normal, dass das Gehirn Konflikte im Schlaf verarbeitet.
Er ist sich allerdings überhaupt nicht sicher, ob das noch normal ist, was er da letzte Nacht zusammengeträumt hat. Da war dieses kranke Outfit; eine Spielart eines Klassikers unter dem Albträumen, dem offenen Hosenstall. Eine Art Lederleggins, so eng um seine Lenden, dass sich seine Geschlechtsteile überdeutlich abzeichneten.
Woher nahm sein Unterbewusstsein so etwas? Nicht einmal Josch trug Lederhosen.
Um seine Brust hatte eine Art Geschirr gespannt, das er mit den eigentümlichen Brustgurten assoziiert, die er bei manchen im Gym sieht. Pulsmessgeräte oder kleine Täschchen für Spintschlüssel und Smartphone, er weiß es nicht genau. Irritierenderweise scheinen dieses Täschchen verborgene Synapsen in seinem Gehirn derart zu stimulieren, dass sie nachts darüber heißlaufen.
Auf jeden Fall hat die schamerregende Aufmachung im Traum mit Ninos tatsächlichem Showoutfit nichts gemein. Für die Herbsttour hatte Sophie eine überbreite Hose aus Ballonseide ausgesucht, ein waldgrünes Stoffhemd mit petrolfarbenen Knöpfen und eine tabakbraune Vintagelederjacke. Stabil.
Der verdammte Traum läuft Nacht für Nacht ähnlich ab. Ab einer bestimmten Szene wird es schlimm: Ab dem Sprung.
Der Sprung ist in der Realität Höhepunkt seiner Konzert. Julian von der Agentur hatte ihm die Idee hinter der Stagedivingeinlage länglich erklärt:
„Der Zeitgeist ist wieder bereit für solche Gesten. Wenn du das machst, ist das kein anachronistisches Dominanzgehabe. Es ist etwas Reduziertes. Direkter Kontakt, kein Medium, keine katalysierende Technik. Riechen. Fühlen. Haptik. Körper. Du brichst mit der klassischen Rockstarpose, verstehst du? Eine Neuinterpretation.“ Nino fand Julians Vortrag überflüssig. Die Spünge machen Spaß und die Bilder davon klicken, so sieht er das.
In seinen Träumen kippt der Spaß allerdings in eine Katastrophe.
Erst das erhebende Auf und Ab auf tausend Händen. Dann erste Brüche. In der vergangenen Nacht war es eine ratternde Gedankenschleife, die ihn über die Frage gefangen hielt, warum er überall Finger spürt, nur nicht an seinen Genitalien.
Mit Sophie von der Agentur hat er einmal ein Gespräch geführt, dass ihm im Nachhinein unangenehm ist. Er hatte ihr erzählt, dass diejenigen, die ihn auffangen und weiterreichen, offensichtlich peinlich darauf achten, ihn keinesfalls an unpassenden Stellen anzufassen. Sophie und er waren sich einig gewesen, dass dies davon zeuge, wie rücksichtsvoll ihre Leute sind.
Der Nino im Traum hatte seine in Leder gehüllte Körpermitte den Leuten entgegen gepresst; aggressiv suchend nach einem wie auch immer gearteten Gegenstück. Ninos Herz klopft unangenehm, wenn er daran denkt.
Es wird aber noch schlimmer, Nacht für Nacht erlebt er träumend, wie Jule auf der sich schnell entfernenden Bühne ein Lied singt, sein Lied!, während es ihn weiter nach hinten reißt.
Verzerrte Gesichter, joschartige Männer, die ihn hochleben lassen; viel zu hoch, viel zu schnell, fast gegen die schwarze Hallendecke.
Der Traum vom Fliegen als Horrorvariante. Rasende Beinchen eines auf dem Rücken liegenden Tausendfüsslers, die ihn wegtreten.
Ein Strudel aus grotesk zusammengeschnittener Collagen aus unterschiedlichen Garderoben, Fluren, Toiletten und Clubeingängen eskaliert in einen finalen Schrecken: Die gesichtslose Masse entledigt sich ihm, speit Nino in hohem Bogen aus der Halle hinaus. Trampolingefühl mit unter ihm weggezogenem Trampolin.
Vor dem Aufprall schreckt er normalerweise auf. Aber gestern hatte sich der Traum unbarmherzig fortgesetzt. Traum-Nino, abgesondert von allem und so alleine, wie ein Mensch sich fühlen kann, trommelnd gegen grünen Stahl. Über ihm Sophie in einem Fenster, abweisender Blick auf ihn herab.
Aus der Ferne: Jules Gesang. Er hörte ihn wirklich.
Und als ob das alles nicht ausreichend zerstörerisch gewesen war, hatte sich eine neue quälerische Sequenz angeschlossen: Er, im REWE-City in der Nähe seiner Wohnung. Herabgewürdigt durch die lächerlichen Leggins versucht er, der hübschen Kassiererin, die aussieht wie Sophie , zu erklären, warum er nicht bezahlen kann. Mit Schotter unter der Zunge stammelt er sinnlos:
„Ich habe keine Taschen. Denn ich gehöre zum Konzert.“ Die Kassiererin starrt auf seinen Schritt und kreischt immer wieder, immer schriller: „Dort singt doch jemand anderes! Dort singt doch jemand anderes!“
Nino wird flau, nicht nur beim Gedanken an die kommende Nacht, sondern auch, wenn er an den nächsten Auftritt denkt. Er macht sich richtig Sorgen. Wegen eines Traums. Was für ein kranker Mist.
Sein Telefon vibriert. Als er sieht, dass es eine Sprachnachricht von Sophie ist, schießt das verlangende Ziehen aus dem Traum in seine Lenden. Sein Körper reagiert schneller als sein Gehirn.
***
„Ernsthaft? Lenden? Das kannst du auf keinen Fall schreiben“, Jule blickt Josch an, als ob sie sich ekelt. „Ich meine, Musik wie bequeme Schuhe ist schon weird. Niemand würde das sagen. Aber gut. Lass das von mir aus so. Und dass du meinen Namen verwendest, davon will ich gar erst anfangen. Aber schreib nicht Lenden!“
„Auf die bequemen Schuhen bin ich eigentlich richtig stolz“, Josch lacht. „Okay, die Lenden fliegen raus.“
Seine Tochter scrollt durch das Worddokument. „Ich weiß nicht recht. Beim Lesen hatte ich den Gedanken, dass du als Verfasser krampfhaft beweisen willst, wie reflektiert du bist.“ Jule schaut auf den Bildschirm. „Was hast du da überhaupt mit diesem Studio? Ist das deine geheime Fantasie? Wärst du gerne ein Gitarren-Dude?“
Josch bleibt ernst und zögert einen Moment, bevor er erwidert: „Ich habe eben versucht, nah an dem sein, was ich in meinem Umfeld beobachte.“
Jule lacht. „Du meinst, weil dein Freund Tobi Neunzehnhundertnochwas in einer Band Bass gespielt hat?“
Joschs Antwort klingt verärgert: „Ich kenne einige, die sind genau so, wie ich es beschreibe. Überhaupt: Du hast selbst davon gesprochen, dass egal, wo ihr hinkommt, die Alten schon da sind. Oder immer noch. Seit du mir das gesagt hast, achte ich darauf. Und ich muss sagen: Ja. Es ist so. Das ist mein Ausgangspunkt für die Geschichte. Dieses Raumgreifende darstellen. Gar nicht mal in erster Linie wertend.“
„Naja, Wertung ist schon angebracht“, insistiert Jule. „Die Alten sollen Platz machen.“
Josch pustet genervt Luft aus. „Finde ich schwierig. So will ich es nicht ausdrücken. Platz machen, das ist schnell gefordert. Nur: Was bedeutet das für den Einzelnen; oder meinetwegen auch für die Einzelne? Wo sollte deiner Meinung nach unser Platz sein? Früher gab es Alte-Herren-Mannschaften oder irgendwelche Vereinsabende. Wir sind anders sozialisiert und treffen uns stattdessen in der Subkultur. Warum sollen wir das meiden, wenn wir uns dort wohlfühlen?“
„Weil es JUGENDzentrum heißt?“, sagt Jule entnervt. „Und weil ihr Lenden sagt. Weil ihr euch vorstellt, wie junge Leute Bumskram träumen.“
Josch scheint nicht mit dieser
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„Sophie, ich will nicht bossy klingen. Aber hörst du mir bitte zu?“
Julians Stimme dringt von weit weg an meine Ohren. Hat er schon davor etwas gesagt?
„Ich hoffe, das, was du tippst, ist für den Newsletter gedacht“, sagt Julian mit seiner leiernden Stimme, die mir so derart auf die Nerven geht. Ich frage mich, wie lange ich sein ausuferndes Dozieren noch ertrage. Geh zur Spex, du Lappen, oh nein, die gibt es gar nicht mehr, sorry, not sorry.
Julius schaut mich misstrauisch an. Als von mir nichts kommt, sagt er:
„Darf man wenigstens lesen, was du schreibst?“
Ich klappe den Laptop zu, bevor er auf die Idee kommt, mir über die Schulter zu schauen.
„Nein, das ist nur für mich.“
„Ich glaube nicht, dass ich etwas verpasse“, leiert Julian gehässig.
„Ich habe gerade die Klamotten zusammengestellt und die Labels wegen Collab angefragt“, lüge ich. „Ich zeige dir das nach dem Mittag.“
„Ein anderes Mal“, sagt Julius. „Nino will eine Rückmeldung zu dem Track. Hast du es angehört?“
„Ja, ich finde es ganz schön.“ Ich überlege kurz. Dann schlage ich vor: „Ich könnte nachher beim Proberaum vorbeifahren und Nino ein Feedback geben.“ Und schauen, wie es ihm geht und ihm beistehen, gegen Jule, die abgefuckte Schlange, denke ich.
„Du findest den Song gut? im Ernst?“ Julian setzt diesen überheblichen Blick auf, den ich zum Kotzen finde. „Dir ist klar, dass Nino ausdrücklich keinen Kontakt mehr zu dir will? Dasselbe gilt für Jule. Wir haben das besprochen. Sei froh, dass du dich noch um die Styles kümmern darfst. Andere hätten dich angezeigt.“
Ich sage nichts.
„Ich rufe Nino gleich an und sage ihm, dass er das Stück in die Tonne treten soll“, sagt Julian. „Da fehlen schlichtweg die Gitarren. Fahrstuhlgedudel, wenn du mich fragst.“
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