Brandlast

weil raus muss, was brennt

Social Impact

Sebastian fährt an der La Marzocco Linea Mini das volle Programm. Mühle, Feinwaage. Die Bohnen klopft er vorsichtig aus dem kleinen Päckchen. Wenn er dieses aus der Schublade neben seinem Desk herausholt und wie einen Schatz in die Kaffeeküche trägt, ist das für seine Entourage das Signal, sich ebenfalls dort einzufinden.

Sebastian schüttet Wasser aus einer Plastikflasche in den Tank der Kaffeemaschine.

Mir fällt der Brettschneider ein. Der hatte mit der Bastelschere Bilder von Yachten aus Zeitschriften ausgeschnitten. Die Marwetz musste einen Rahmen dafür kaufen. Ob die Bilder immer noch oben im ehemaligen Vorstandsbüro hängen? Keine Ahnung, was dort jetzt ist.

Sebastians Entourage sortiert Becher aus dem Schrank und stellt sie auf die Arbeitsplatte. Sehnig geboulderte Unterarme, ernste Gesichter. Steingut. Mundgetöpfert, hatte Radek gesagt.

„Weißt du noch, die Marwetz?“

Radek lacht kurz.

Sebastian schaut von der zischenden Maschine zu uns herüber. Er lacht nicht.

„Der Brettschneider war krass“, sage ich zu Leonie, die vor mir einen Löffel aus der Besteckschublade nimmt. „Der hat da oben einmal die Marwetz – die Julia, die hast du noch kennengelernt, oder? – so angeschrien, dass der die Hände gezittert haben.“

Leonie rührt in einer Schüssel.

„Krass“, sagt sie.

„Das macht der Sebastian nicht“, sagt Radek laut in Richtung Sebastian, der aber mit seiner Feinwaage beschäftigt ist.

„Jap.“ Leonie ist fertig mit Rühren. „Save. Ich steige in der U2 dazu.“

Sie läuft sprechend in Richtung ihres Schreibtisches. Ich sehe den Knopf in ihrem Ohr.

Sebastian gießt feierlich cremigen Kaffee in die ersten beiden Becher.

„Kommt ihr beiden bitte zu uns?“

Radek und ich gesellen uns zu den anderen, die neben Sebastian an der Küchenzeile lehnen. Sebastian drückt uns einen Steingutbecher in die Hand.

„Habt ihr meinen Slack gelesen?“

Ich habe keinen Slack gelesen.

„Ich fände es schön, wenn wir die Idee umsetzen.“

Welche Idee?

„Für mich wäre wichtig, dass es auch sichtbar wird. Auch der Impact“, sagt Janis, der neben Sebastian steht, bedeutungsvoll in die Runde.

Sebastian: „Genau darum geht es mir im Grunde. Vor allem, dass es mit uns verbunden wird. Aber auch um die eigentliche Sache.“

Sein Smartphone summt.

„Okay. Ich sage denen Bescheid. Am nächsten Präsenzmittwoch sprechen wir noch einmal darüber.“

Radek und ich bleiben zu zweit in der Küche zurück. Der Kaffee schmeckt echt gut.

„Keine Ahnung“, sagt Radek. „Blabla.“

Leonie sucht einen Schwamm. Ihre Schüssel ist jetzt leer.

„Ich bin das durchgegangen. Kurzfristig funktioniert das nicht. Langfristig ist es wahrscheinlich egal.“

„Also wie immer“, sagt Radek. „Aber wovon sprichst du?“

„Habt ihr den Slack nicht gelesen?“

Welchen Slack?

„Social Impact. Sebastian will einen Anteil vom Gewinn zweckgebunden abführen.“

„An was?“

„An ein Start-up. Holistic irgendwas. Soll er selbst erklären.“

„Und was will er denen geben?“

„15 Prozent.“

„Wie bitte?“

Radek lacht.


Für einen Präsenzmittwoch ist wenig los. Die Marzocco ist kalt. Radek füllt sich ein Glas mit Leitungswasser.

„Will Sebastian heute nicht dieses Social Invest besprechen?“

Radek lacht.

„Schlechtes Thema, aber frag ihn selbst.“


„Klopf, klopf.“

Alte Gewohnheit. Obwohl da keine Tür ist, nicht mal eine Wand.

„Wie sie die Idee finden?“

Sebastian lehnt mit seinen Hinterteil an seinem Schreibtisch, die Arme verschränkt.

„Ja, sie werden dir doch ein Feedback gegeben haben.“

„Sie sprechen nicht mit uns.“

„Was heißt das denn?“

„Das läuft nur über das Board.“

„Und was stand im Board?“

„Im Prinzip, dass ich noch einmal rechnen soll.“

Er liest ab:

„Sensitivity analysis covering downside scenarios.“

Er hält mir sein Smartphone hin.

„Kannst du nicht jemanden anrufen?“

Sebastian sagt nichts.


„Further coordination will be handled centrally. Das ist schlecht, oder?“

Radek, Leonie und ich stehen in der Küche.

„Ach was“, sagt Radek. „Er tanzt an, die Big Boys falten ihn zusammen und gut ist. Same procedure as schon tausendmal.“

„Was stand da?“

Leonie steht neben uns und schaut auf ihr Handy.

Ich sage es ihr.

Sie schaut von ihrem Handy auf und mich an.

„Ich gehe kurz was klären.“

Sie lässt uns stehen.

Radek zuckt mit den Schultern.

Ich überlege, was das alles jetzt heißt.


„Und was hast du bisher getan?“

Radek wirkt deutlich angespannter, als man es von ihm gewohnt ist, als er Sebastian das fragt.

„Ich habe es noch einmal erläutert, in einer Response. Kontext, Ziel, Impact.“

Alle in der Küche schweigen.

„Und was HER ist und warum das wichtig ist. Auch für uns als Team.“

„Was ist HER?“, frage ich.

„Stand im Slack“, sagt Sebastian. „Holistic Empowerment Resources.“

Okay, denke ich. Das war’s.

„Gab es Feedback?“

Janis schaut betrübt.

„Sie sprechen nicht“, sage ich.

„Das wäre im Moment schon schlecht für mich, wenn wir geschlossen werden.“

Alle drehen ihre Köpfe zu Leonie.

„Die Zahlungen im System fließen jetzt automatisiert ins Approval.“

„Das geht schnell“, sagt Radek zur kalten Kaffeemaschine.

„Das heißt erst mal nichts“, sagt Sebastian.

„Doch“, sagt Radek.

Sebastian ist blass.

„Ich fahr hin.“

Eine gute alte Dienstreise, schießt es mir durch den Kopf. Nur, dass unten schon lange keine Pool-Audis mehr stehen.

„Wo willst du denn hinfahren?“

Janis presst seine markanten Kiefer zusammen.

„Heutzutage bekommst du doch keinen mehr an die Strippe“, sagt Radek und stemmt die Fäuste auf die Arbeitsplatte. „Die sitzen nirgendwo.“

„Doch.“

Leonie liest von ihrem Handy ab:

„P.O. Box N-4923, Nassau, New Providence, The Bahamas.“

„Ganz schön weit mit deinem Rennrad“, sagt Janis beim Rausgehen zu Sebastian.


„Wie, die waren da?“

„Ja, natürlich.“

Sebastian wirkt gut gelaunt.

„Zu dritt. Das ist in Deutschland immer noch genau geregelt, wie so etwas läuft.“

Er schaut, als ob er zu viel gesagt hätte.

„Und was ist das Ergebnis?“

„Du, ich möchte dich bitten, dass du cool damit bist, dass ich nichts Konkretes sagen kann.“

Sebastian steckt einige Kabel in seine Radkuriertasche.

„Wir sehen uns auf jeden Fall noch mal.“

Die leeren Plätze von Leonie und ihresgleichen sehen aus, als ob niemals jemand dort gesessen hätte.

Ich gehe in die Küche. Im Schrank steht nur noch die alte Tasse: „Der frühe Vogel kann mich mal.“

Ich nehme sie mit und verdrehe beim Rausgehen den Mahlgrad an der Kaffeemühle.

Alte Gewohnheit.

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